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Wie Fremdsprachen unsere Persönlichkeit verändern

In der Schule sind sie meist noch eine lästige Pflicht, die Fremdsprachen. Wir verstehen nicht, warum wir überhaupt eine andere Sprache lernen müssen. Unsere Muttersprache tut’s doch auch.

Je älter man wird, desto eher erkennt man, dass uns jede neu erlernte Sprache Türen öffnet. Zu anderen Welten, zu anderen Menschen, zu anderen Kulturen, aber auch zu uns selbst. Nicht umsonst, sind Sprachreisen ins Ausland heutzutage beliebter de je zuvor. Jede Fremdsprache macht uns nämlich zu einem Menschen, der ein wenig anders ist als der, den wir tagtäglich im Spiegel sehen…

Fragt man bei Arbeitskollegen oder Arbeitskolleginnen nach, welche Freizeitaktivitäten im Vordergrund stehen, ist es keine Seltenheit wenn “Sprachen lernen” zu hören bekommt.

Und dann erinnert man sich wieder an die Zeit in der Schule, wo es Spaß gemacht hat im Französischbuch zu stöbern oder die korrekte Aussprache englischer Fremdwörter zu üben.

Mother tongue or other tongue

Was darf es denn heute sein? Romantischer Franzose, quirlige Italienerin oder doch lieber sachlicher Deutscher? Du kannst das alles sein, wenn du die entsprechenden Sprachen sprichst.

Mit jeder Sprache, die du lernst, legst du dir eine neue Persönlichkeit zu.

Das sagen zumindest zahlreiche SprachforscherInnen. Jede Sprache lässt dich ein wenig anders denken und agieren:

  • Während du in deiner Muttersprache sachlich bist, wirst du wagemutig und extrovertiert, wenn du beispielsweise Italienisch sprichst.
  • Da du eine Fremdsprache nicht mit den Werten und Prägungen verbindest, die dir durch deine Muttersprache in die Wiege gelegt wurden, traust du dich eher auf „gefährliches“ Terrain.
  • Du wagst es eher, über unangenehme Dinge oder gar Tabu-Themen zu sprechen, wenn du es in einer anderen Sprache tust. Hier verfolgt dich nämlich nicht das „schlechte Gewissen“ deiner Muttersprache.

Es kann aber auch genau das Gegenteil sein: Während du in der Muttersprache gewandt und schlagfertig bist (weil du sie nun mal fließend sprichst), bist du in einer Fremdsprache vorsichtig und introvertiert, weil du Angst vor Fehlern hast.

In diesem Fall kommt es darauf an, wie redegewandt du in einer Sprache bereits bist. Je besser du eine Sprache beherrschst, desto frecher wirst du auch.

Ein Mensch, viele Stimmen

Sprache verbindet man automatisch mit Erlebnissen. Wenn du im letzten Spanienurlaub regelmäßig auf Spanisch kommuniziert und sehr viel Spaß gehabt hast, wird für dich Spanisch vielleicht immer die Sprache des Spaßes und der Lebensfreude sein. Du wirst dein Verhalten wahrscheinlich auch dementsprechend anpassen, wenn du Spanisch sprichst.

Oder hast du bei deinem letzten Frankreich-Aufenthalt viele Menschen angesprochen und so neue Kontakte geknüpft? Dann wird Französisch vielleicht deine freche Sprache, in der du besonders wagemutig bist.

  • Du näherst dich außerdem mit jeder neu gelernten Sprache der jeweiligen Kultur an. Automatisch nimmst du diverse Denk- und Verhaltensmuster mit, wenn du eine neue Sprache lernst und sprichst.

Zusätzlich dazu passt du dich in Stimmlage, Tonhöhe und Sprechgeschwindigkeit an die fremde Sprache an: Sprichst du in deiner Muttersprache in einer für dich „normalen“ Tonhöhe und Geschwindigkeit, wird deine Stimme vielleicht tiefer und schneller, wenn du ins Englische wechselst.

Insbesondere im Kontakt mit MuttersprachlerInnen fremder Sprachen passt du dich mit der Zeit an deren Sprech- und Verhaltensweisen an. Du identifizierst Mimik und Gestik, Stimmlage und Sprechgeschwindigkeit und nimmst sie für dein eigenes Verhalten an, wenn du in der jeweiligen fremden Sprache kommunizierst.

Die Brücke, die ist männlich

Die Sprache, in der wir kommunizieren, beeinflusst uns mehr, als wir denken. Wir passen uns unbewusst an kulturelle Besonderheiten, Verhaltensweisen etc. an. Sogar an etwas vermeintlich Unwichtigem wie grammatischen Kategorien orientieren wir uns, um etwas in einer fremden Sprache auszudrücken.

So fanden Forscher in einer Studie heraus, dass grammatische Geschlechter in verschiedenen Sprachen einen großen Einfluss darauf haben, wie wir Dinge sehen:

  • Als Beispielwort wurde hierfür die Brücke
  • Sie ist im Deutschen durch den Artikel „die“ als weiblich markiert. Die deutschsprachigen Getesteten verbanden sie daher auch mit weiblichen Attributen: geschwungen, sanft, zierlich, elegant.
  • Im Französischen hingegen ist die Brücke männlich: le pont. Die französischsprachigen ProbandInnen assoziierten deshalb durchwegs klassisch männliche Eigenschaften mit „ihm“: stabil, massiv, robust.

Familie oder Karriere?

Darüber hinaus lassen wir uns von vermeintlichen Idealen einer Sprache und deren Kultur leiten, wenn wir etwas deuten. Eine weitere Studie, in der Zweisprachige (Englisch und Spanisch) getestet wurden, demonstriert genau das.

  • Dabei wurden die ProbandInnen unter anderem gebeten, sich in beiden Sprachen selbst zu beschreiben.
  • Während die Getesteten in Englisch vorwiegend über ihre persönlichen Erfolge sprachen, erzählten sie in Spanisch vor allem von ihrer Familie, ihrem sozialen Umfeld und ihren Werten.

Dies wurde anhand der Ideale der jeweiligen Kulturen gedeutet:

Während in der englischsprachigen Kultur traditionell Erfolg, Fleiß und Durchsetzungsvermögen als wichtig erachtet werden, sind in der spanischsprachigen Kultur vor allem Familie, Freunde und Sozialleben von großer Bedeutung. Die ProbandInnen passten sich daran an, je nachdem, welche Sprache sie gerade sprachen.

Sprache kann nicht (oder nur sehr schwer) von Kultur getrennt werden. Genauso wenig kann die jeweilige Kultur von der sprachlichen Identität getrennt werden. Dies veranschaulicht diese Studie sehr gut.

Heute mal zynisch oder doch lieber lustig?

Wer viele Sprachen spricht, hat viele Persönlichkeiten. Das hat aber rein gar nichts mit einer Identitätsstörung zu tun. Dennoch macht es Spaß, von einer zur anderen Sprache zu wechseln und dabei immer mehr seiner multiplen Persönlichkeiten freizulegen. Sprache prägt uns, und mit jeder neu gelernten Sprache werden wir vielfältiger und facettenreicher.

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